Grußwort des Kreisvorsitzenden Norbert Geis, MdB

Das 60-jährige Jubiläum unseres Kreisverbandes ist Anlass, zurückzuschauen. Wir denken an die Gründer unserer Partei hier in unserer Region und an die Persönlichkeiten der CSU, die in der Vergangenheit die politischen Entscheidungen in unserer Region und darüber hinaus in Bayern und Deutschland mitgeprägt haben.

Hugo Karpf war der führende Kopf von Anfang an. Schon in der Weimarer Zeit gehörte der christliche Politiker und Gewerkschaftsfunktionär 1932 dem Reichstag an. Nach dem Zusammenbruch war er sofort zur Stelle, war Mitbegründer der CDP (später CSU), war 1946 Mitglied der verfassungsgebenden Landesversammlung und gehörte 1947 dem Zwei-Zonen-Wirtschaftsrat an. 1949 wurde er aus unserer Region in den 1. Deutschen Bundestag entsandt. Als profilierter Vertreter des Arbeitnehmerflügels kämpfte er gegen die Planwirtschaft und für die Einführung der sozialen Marktwirtschaft.

In Alzenau und im Kahlgrund gründete Fritz Huth, der von 1930 bis 1933 Mitglied des Reichstages war, die CSU. Im Bundestag folgten auf Hugo Karpf Karl-Heinz Vogt und Paul Gerlach. Im Landkreis Alzenau waren es Maria Probst, Vizepräsidentin im Bundestag und Alfred Biehle, der später Wehrbeauftragter wurde. Ursula Schleicher war die erste unterfränkische Europaabgeordnete. Sie war eine bekannte und hoch geachtete Abgeordnete des Europäischen Parlamentes und eine zeitlang dessen Vizepräsidentin.

Zwei herausragende bayerische Ministerpräsidenten, Hanns Seidel und Alfons Goppel, kamen ebenfalls aus unserer Region. Außerdem waren für Stadt und Landkreis Aschaffenburg Marielies Schleicher, die vor allem für ihr sozial- und familienpolitisches Engagement bekannt war und Hermann Leeb, der bis zum Justizminister aufstieg, im Landtag. Fritz Huth, Dr. Ankermüller, der zum Staatssekretär, Innenminister und Justizminister berufen wurde, Dr. Heinz Rosenbauer, der lange Jahre Staatssekretär im Justiz- und Innenministerium war, Alfons Adelberger und schließlich unser unvergessener Dr. Karl Lautenschläger waren für den Kahlgrund und Spessart im Maximilianeum.

Der Kreisverband schickte bedeutende Vertreter in den Bezirkstag, unter anderem Wilhelm Wieler, Edgar Englert und Eva Honecker. Mit Graf Albrecht von Ingelheim stellt unsere Region erstmals den Präsidenten des Bezirkstags Ohne Unterbrechung kamen seit 1946 die Landräte aus der CSU: Fritz Huth und Dr. Degen in Alzenau, Willy Grömling, Dr. Josef Kerpes und Roland Eller, der von 1972 bis 2002 in ganz herausragender Weise die Kreispolitik bestimmte, in Aschaffenburg. Keine andere Partei hat unseren Landkreis so geprägt, wie die CSU. Keiner anderen Partei hat die Bevölkerung bei den Wahlen so viel Vertrauen entgegengebracht wie der CSU. Seit 1972 hält unsere Partei im Kreistag in ununterbrochener Folge die absolute Mehrheit.

Mit Stolz können wir also auf die letzten 60 Jahre zurückblicken und dürfen feststellen, in welch hohem Maße die CSU unsere Region geprägt hat. Das Jubiläum ist aber auch Anlass, in die Zukunft zu schauen. Werden wir als Partei auch in Zukunft die bestimmende Kraft bleiben?

Tempora mutantur – die Verhältnisse sind heute anders als früher. Nach dem Zusammenbruch 1945 wurde auch bei uns die CSU aus der Erkenntnis gegründet, dass der Staat keinen Bestand haben kann, wenn er nicht in der christlich geprägten Tradition unseres Volkes gegründet ist. 

Christliche Wertvorstellungen haben aber auch hier am Untermain nicht mehr den Stellenwert wie in der Nachkriegszeit. Der Individualismus und die damit einhergehende fehlende Bindung an traditionelle gesellschaftliche Strukturen nehmen auch bei uns weiter zu. Die Folgen der Arbeitslosigkeit, vor allem innerhalb der Jugend, zeigen auch bei uns Spuren. Menschen aus anderen Kulturen, insbesondere aus der islamischen Welt, gehören auch bei uns zu den täglichen Begegnungen. Uns bewegt deshalb die Frage, dass die CSU in dieser veränderten Welt auch in Zukunft in unserer Region die bestimmende politische Kraft bleibt.

Mag sein, dass die CSU in den ersten Jahren nach dem Krieg wegen des „C“ im Namen gewählt wurde. Dies ist jedoch schon lange nicht mehr der Fall. Wir haben bislang die Wahlen vor allem deshalb für uns entschieden, weil unsere Kandidatinnen und Kandidaten das Vertrauen der Wählerinnen und Wähler gewinnen konnten und weil sie dieses Vertrauen durch eine tatkräftige und erfolgreiche Politik auch gerechtfertigt haben. Vertrauen gewinnen wir aber nicht, wenn wir jedem nach dem Mund reden. Eine Politik nach der Maßgabe: „Allen Wohl und niemandem Weh“ hat heute noch weniger Chancen als früher. 

Wir müssen an unseren Überzeugungen festhalten und für unsere christlichen Wertvorstellungen eintreten. Das Gesicht unserer Partei muss unverwechselbar bleiben. Das heißt noch lange nicht, dass wir denen, die anderer Auffassung sind, unsere Wertvorstellungen vorschreiben. Wir dürfen uns nicht aufdrängen. Wir dürfen aber darum streiten. Wenn wir nicht dafür kämpfen, wer denn dann? Nur so werden wir auch von denen ernst genommen, die nicht unserer Auffassung sind. Nur so gewinnen wir Vertrauen. Niemals dürfen wir den zentralen Auftrag der Politik, für eine gerechte Ordnung der Gesellschaft und des Staates einzutreten, außer Acht lassen. „Gerechtigkeit ist Ziel und daher auch inneres Maß aller Politik“ (Benedikt der XVI, Enzyklika „DEUS CARITAS EST“). Was aber Gerechtigkeit ist, ist eine Frage der praktischen Vernunft. Darüber darf gestritten werden. Hier kommen die christlichen Wertvorstellungen  ins Spiel.

Bei der Frage, wie gewinnen wir Vertrauen, ist darüber hinaus entscheidend, dass uns niemand in dem Bemühen übertrifft, die Probleme, die die Menschen bewegen, aufzugreifen und um die richtige Lösung zu ringen. Ferner kommt es darauf an, dass wir durch große Präsenz vor Ort den Menschen unsere Politik plausibel zu machen versuchen. Wenn wir diese Gesichtspunkte beachten,  werden wir auch künftig das Mandat erhalten, die Politik in unserer Region zu gestalten. 

Wir dürfen auf die vergangenen Erfolge stolz sein, dürfen aber nicht darauf ausruhen, sondern müssen uns Tag für Tag neu mit Kompetenz und Stetigkeit den Aufgaben stellen und sie auch lösen.


Ihr Norbert Geis, MdB